Siglinde Kallnbach - a performancelife

 

Als Gast in der Ausstellung ist Jürgen Raap mit Malerei vertreten. In seinen Motiven findet sich Verweise auf die Rhön, ebenso auf Performances der Künstlerin.
Den Schwerpunkt der Exponate bildet Kallnbachs lebenslanges "a performancelife"-Projekt (seit 2001), an dem sich auch Bewohner von Tann, dem Landkreis Fulda und Fulda Stadt beteiligten. Dabei geht es um den Ausdruck/das Mitteilen von Zuwendung, Mitgefühl, Empathie über geografische, religiöse und weltanschauliche Grenzen hinweg an Opfer einer Situation/eines Unglücks/einer Gewalttat/eines Unfalls/einer anderen Katastrophe, menschen- oder naturgemacht/einer Krankheit. Zu Beginn des Projekts waren es Krebskranke. Menschen, über die etwas hereinbricht, wozu sie nichts können, Engagierte, die für ihre Überzeugungen eintreten und damit zum Ziel von Angriffen werden, Passanten zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Form können beschriftete Leinwände sein, aber auch Kleidungsstücke, Objekte, im Original oder bearbeitet, sogar ganze beschriftete und bezeichnete (Zelt-)Häuser, die ein kleines Dorf bilden können.


Kallnbach schickte 2011 Bildträger mit Tausenden von Unterschriften nach Japan - nach der Katastrophe  von Fukushima. Nach dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 2016 erhielt die Stadt Berlin (in Form des regierenden Bürgermeisters) eine Arbeit, ebenso je eine für die Angehörigen der 12 um's Leben gekommenen Weihnachtsmarktbesucher. Arbeiten, auch als "Boards" bezeichnet, gingen nach Attentaten u.a. nach Paris, Nizza, Brüssel, London, Afganistan, Pakistan, Indien ... aber auch an Opfer in der Nähe ihres Wohnortes, etwa betreffend das Attentat im Kölner Hauptbahnhof, die Ermordung einer jungen Frau in Unkel ...). Sie schickte beschriftete Leinwände an Betroffene von rechtem Terror, etwa nach Chemnitz. 2017/18 wandten sich Arbeiten gegen Vandalismus und Gewalt im Karneval. Nach der Verwüstung eines Denkmals für ermordete jugendliche Widerstandkämpfer gegen das NS-Regime in Köln bündelte Kallnbach Unterschriften-Boards zu einer Arbeit, auf der u.a. Beiträge aller Kölner Partnerstädte zu finden waren. Weitere Arbeiten, "immaterielle "power banks" der Solidarität (Kallnbach)", gingen 2019 nach Utrecht, Sri Lanka oder Neuseeland. In Neuseeland hatte die Künstlerin als junge Frau über ein Jahr lang Maori Studies studiert und vor Ort geforscht: "Ich habe die Kiwis (Einwohner von NZ) als offen und zugewandt erlebt, besonders auch die Maoris. Wir wünschen uns, daß alle Neuseeländer jetzt die Zugewandheit der Welt spüren, auch wenn es für das, was da geschehen ist, kaum Trost gibt. Aus dem Zusammenstehen entwickelt sich Kraft und der Hass wird nicht gewinnen," übermittelte Kallnbach mit den Solidaritäts-Arbeiten, auf denen sie Bekundungen von katholischen und evangelischen Christen und Muslimen vereinigt hatte.


"Von den Empfängern gibt es vorwiegend keine Reaktionen", so Kallnbach. "Denn da, wo ich die fertigen Arbeiten hinschicke, ist meistens "Land unter" und da steht außer Frage, daß da etwas zurückkommt." Aber manchmal gibt es sie trotzdem:
"It has meant a lot to us at this time", bedankt sich Ende Juni 2019 die Bürgermeisterin von Christchurch/NZ, Lianne Dalziel, in einem Brief für die Arbeit "a performancelife for AOTEAROA", wie zuvor bereits die neuseeländische Ministerpräsidentin Jacinda Arden. Siglinde Kallnbach hat in den nunmehr 18 Jahren unterschiedliche Reaktionen auf ihr lebenslanges Projekt erfahren - sowohl von den für eine Unterschrift Angesprochenen als auch von den Adressaten: Sehr dankbar wurde die Möglichkeit zur Solidaritätsbekundung besonders nach Anschlägen angenommen,  ausgelacht ("Da ist ja kein Geld im Spiel!") und handgreiflich "angemacht" wurde Kallnbach aber auch schon. Es gab Erwiderungen naserümpfender Harabwürdigung als "naiv" und "unrelevant", aber auch großes Lob und die geschilderte Erfahrung, daß Solidarität glaubhaft vermittelt wurde, daß es etwas bewirkt hat und weiter wirkt. Für Kallnbach steht fest: "Der aktive Glaube an die Kraft von guten Wünschen und Gebeten nebst Umsetzung bzw. Umsetzungsversuchen kann Berge versetzen. Davon gibt es weltweit immer wieder tolle Beispiele. Wunder gibt es doch und wunderbare Menschen, die sie voranreiben, sonst hätte die Welt bis heute nicht überlebt. Mein Vater war z.B. ein solcher Mann. Es gibt viel zu tun, daß das auch weiterhin so bleibt."


 

 

Die Ausstellung ist noch bis zur Winteröffnungszeit vom 26. Dezember bis 06. Januar 2020, zu den Öffnungszeiten des Naturmuseums in Tann zu besichtigen.

 

 

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